Ravensbrück

Vorläufige Liste für die Gedenksteine (HdFG/Projekt Justitia/Ravensbrück – Degen)
Stand: September 2009

Lore Agnes (4. 6. 1876 – 9. 6. 1953), führende Frau der Düsseldorfer Arbeiterbewegung, arbeitete als Hausangestellte, heiratete einen Gewerkschaftssekretär und wurde Parteisekretärin, Parteirednerin und Schriftstellerin und war in der AWO (Arbeiterwohlfahrt) aktiv. Sie lehnte im 1.Weltkrieg die Kriegskredite ab und bildete eine Gruppe der USPD in Düsseldorf. Erstmals wurde sie 1916 verhaftet. Sie traf sich mit Clara Zetkin und Rosa Luxemburg und wurde 1920 Mitglied der SPD-Reichstagsfraktion. 1933 verloren alle Reichstagsabgeordnete ihre Mandate und wurden aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Im März 1933 wurde Lore Agnes kurzfristig verhaftet. Nach dem 20. Juli 1944 reagierte der Staat mit einer weiteren großen Verhaftungswelle aller Linken (Aktion „Gitter“), die auch Lore Agnes traf. Wie viele andere Frauen auch sollte sie nach Ravensbrück deportiert werden. Sie hatte das Glück, dass ihr ein amtsärztliches Gutachten bescheinigte, nicht „lagerfähig“ zu sein und wurde im September aus der Haft entlassen. 1945 wurde sie als einzige Frau für die SPD in die Düsseldorfer Stadtverordnetenversammlung gewählt. Von den 111 weiblichen Reichtagsabgeordneten der Weimarer Republik kamen neben Lore Agnes, Klara Bohm-Schuch (SPD), Frieda Hauke (SPD), Frieda Kessel (KPD), Marie Elisabeth Lüders (DDP), Helene Overlach (KPD), Else Peerenboom (Zentrum), Maria Rese (KPD), Johanna Reitze (SPD) und Christine Teusch (Zentrum) in Haft. In Ravensbrück waren Maria Ansorge (SPD), Elise Augustat (KPD), Johanna Himmler (KPD), Olga Körner (KPD), Luise Schiffgens (KPD) und Lisa Ullrich (KPD). Helene Fleischer (KPD) starb 1941 in Moringen, Johanna Tesch (SPD) 1945 in Ravensbrück. Franziska Kessel (KPD), Toni Pfülf (SPD) und Minna Bollmann (SPD) begingen Selbstmord. Emigriert sind Martha Arendsee (KPD) und Roberta Gropper (KPD) in die UdSSR, Ruth Fischer (KPD), Marie Juchacz (SPD), Hanna Sandtner (KPD) und Tony Sender (SPD) in die USA, Marie Kunert (SPD) und Anna Siemsen (SPD) in die Schweiz, Mathilde Wurm (SPD) nach England und Anna Zammert (SPD) nach Schweden.

Lucie Adelsberger (12. 4. 1895 – 2. 11. 1971) gehörte zu den Frauen, die nach 1945 nie mehr deutschen Boden betraten. Nach 1933 hatte sie die Emigration abgelehnt, um ihre Mutter zu pflegen. Sie war auch in der jüdischen Selbsthilfe aktiv. Als Ärztin arbeitete sie in Auschwitz im sog. Zigeuner- und Frauenlager und wurde 1945 nach Ravensbrück deportiert. Über Holland wanderte sie nach der Befreiung in die USA aus und betrieb dort Grundlagenforschung in ihren Spezialgebieten: Innere Medizin, Pädiatrie und Allergologie. Unmittelbar nach 1945 schrieb sie ihre Erlebnisse nieder und publizierte 1947 einen Beitrag zu Psychologische Beobachtungen im Konzentrationslager Auschwitz. Ihre Erlebnisberichte über die Konzentrationslager veröffentlichte sie 1965 unter dem Titel Auschwitz. Ein Tatsachenbericht. Ihr politisches Resümee: Ein bißchen Salonantsemitismus, etwas politische und religiöse Gegnerschaft, Ablehnung des politisch Andersdenkenden – an sich ein harmloses Gemengsel, bis ein Wahrsinniger kommt und daraus Dynamit fabriziert. Man muß diese Synthese begreifen, wenn Dinge, wie sie in Auschwitz geschehen sind, in Zukunft verhütet werden sollen. Wenn Haß und Verleumdung leise keimen, dann, schon dann heißt es wach und bereit zu sein. Das ist das Vermächtnis derer von Auschwitz.

France Audoul (1894 – 1977), wie Helen Ernst , Felice Mertens, Aat Breur, Edith Kiss u.v.a gehört auch France Audoul zu den Künstlerinnen, die heute wegen ihrer Bilder aus Ravensbrück weltweit bekannt sind. Sie stammte aus Lyon und arbeitete in Paris in mehreren Kunstwerkstätten. Als Mitglied der Résistance wurde sie nach Ravensbrück deportiert und fertigte dort 32 Skizzen mit Portraits und Szenen aus dem Lagerleben an. Nach 1945 nahm sie ihre Maltätigkeit wieder auf und beteiligte sich an zahlreichen Ausstellungen. 1966 wurden die Ravensbrücker Zeichnungen in einem Album – 150.000 Frauen in der Hölle – veröffentlicht.

Olga Benario (12. 2. 1908 – 23. 4. 1942), Kommunistin und Jüdin, befreite 1928 ihren Lebensgefährten aus dem Gefängnis, Aufenthalte in der Tschechoslowakei, UdSSR und Brasilien. Dort politisch aktiv mit ihrem späteren Ehemann Louis Carlos Prestes. Nach Putschversuch 1936 Verhaftung. Ende November 1936 kam ihre Tochter Anita im Frauengefängnis Berlin zur Welt. Die Schwiegermutter, Dona Leocadia, war die treibende Kraft, um wenigstens das Kind zu retten. Anita wurde ihr schließlich 1938 übergeben. Schon vorher hatte sich die Schwiegermutter energisch für die Freilassung von Olga Benario eingesetzt und setzte ihre Bemühungen fort, als diese ab 1939 in Ravensbrück war. Olga Benario war Blockälteste und wurde in einer großen Selektionsaktion im Winter 1941/Frühjahr 1942 mit 1.600 anderen Frauen in die Gaskammer von Bernburg deportiert und dort ermordet (sog. Aktion 14f13). Es gelang den Frauen, den Deportationsort noch bekanntzugeben. Sie nähten einen Zettel mit dem Namen „Bernburg“ in einen Kleidersaum. Da die Kleider in das KZ zurückgeschickt wurden, erfuhren die anderen Gefangenen vom Deportationsziel und von ihrem Tod. In Ravensbrück hatte sie – zusammen mit Tilde Klose – einen kleinen, streichholzschachtelgroßen Weltatlas angefertigt, auf dem jeweils der Kriegsverlauf erklärt wurde. Olga Benario war in der DDR eine der bekanntesten Widerstandskämpferinnen. Nach ihr wurden Schulen, Kindergärten und Straßen benannt. Das Buch über sie (Ruth Werner, Olga Benario – Die Geschichte eines tapferen Lebens) wurde ab 1961 in großer Auflage gedruckt und u. a. bei Jugendweihen verschenkt.

Aat Breur (28. 12. 1913 – 31. 12. 2002), holländische Malerin, Kommunistin und Widerstandskämpferin, wurde 1942 verhaftet und nach Ravensbrück verschleppt. Ihre kleine Tochter musste sie zurücklassen. Im Lager zeichnete sie Portraits von ihren Kameradinnen und Szenen aus dem Lageralltag. Ihre Tochter, Dunja Breur, hat die Zeichnungen zusammen mit der anrührenden Geschichte ihrer Mutter veröffentlicht: „Ich lebe, weil du dich erinnerst!“ (1983, deutsch Berlin 1997). Aat Breur malte heimlich abends in der Baracke. Sie wurde im Frühjahr 1945 vom Roten Kreuz befreit. 1998 wurden ihre Arbeiten erstmalig in Ravensbrück gezeigt. Die Künstlerin nahm mit ihrer Tochter an der Eröffnungsveranstaltung teil.

Antonia Bruha (1. 3. 1915 – 27. 12. 2006), Österreicherin, begann mit 18 Jahren als Journalistin zu arbeiten, sie war im österreichischen Widerstand aktiv. Drei Monate nach der Geburt ihrer Tochter Sonja wurde sie verhaftet und von ihrer Tochter getrennt. Die Tochter wurde ohne ihr Einverständnis zu Pflegeeltern gegeben. Ihre Autobiographie „Ich war keine Heldin“ (Wien 1984) zeigt, wie unendlich schwer ihr die Trennung von dem Kind fiel. In Ravensbrück kam sie in den Block von Rosa Jochmann, die nach Meinung vieler Frauen in hervorragendem Maße für das Überleben in „ihrem“ Block und bei vielen anderen Frauen sorgte. Auf dem Todesmarsch gelang ihr mit mehreren Freundinnen die Flucht. Die Gruppe schlug sich nach Wien durch. Das Wiedersehen mit der Tochter war nach vier Jahren Lagerhaft schmerzlich. Es dauerte zwei Jahre, bis das Kind die Mutter akzeptieren konnte. Antonia Bruha wurde Übersetzerin für den Rundfunk und arbeitete später für das Dokumentationszentrum des österreichischen Widerstandes.

Margarete Buber-Neumann (21. 10. 1901 – 6. 11. 1989), Kindergärtnerin, Kommunistin, politische Publizistin, in erster Ehe mit einem Juden verheiratet (Rafael Buber), in zweiter Ehe mit einem führenden Mitglied der kommunistischen Partei (Heinz Neumann). 1933 Emigration nach Spanien, in die Schweiz und in die UdSSR. Ihr Mann verschwand plötzlich 1937, später stellte sich heraus, dass er hingerichtet worden war. Sie selbst wurde zu 10 Jahren Lagerhaft nach Kasachstan deportiert und nach dem Hitler-Stalin-Pakt nach Deutschland ausgeliefert und bis 1945 in Ravensbrück inhaftiert. Sie schrieb mehrere Bücher über ihre politischen Erlebnisse und ihren KZ-Aufenthalt, Milena, Von Potsdam nach Moskau, Als Gefangene bei Stalin und Hitler, „Freiheit, du bist wieder mein ...“ und Die erloschene Flamme. Ihre Situation in Ravensbrück war schwierig, weil die überzeugten Kommunistinnen Zweifel an ihren Erzählungen über die Situation in der UdSSR hatten. Hoffnung gab ihr die Freundschaft zu Milena Jesenka, einer tschechischen Journalistin. Nach 1945 sagte sie in NS-Prozessen aus und klärte Zeit ihres Lebens andere über die eigenen Erfahrungen und ihre Schlussfolgerungen daraus auf.

Erika Buchmann (19. 11. 1902 – 20. 11. 1971), Sekretärin in verschiedenen Parteifunktionen, verheiratet mit dem kommunistischen Reichstagsabgeordneten Albert Buchmann. 1927 bekam sie eine Tochter, Inge. 1933 Verhaftung. Wie bei vielen Kommunistinnen wechselten sich auch bei ihre kurze Entlassungszeiten und erneute Inhaftierungen ab. In Ravensbrück war sie u. a. Blockälteste des Tuberkuloseblocks. Die Arbeit als sog. Funktionshäftling war für sie sehr schwierig, sie musste bei ihrer Arbeit an Selektionen mitarbeiten. Bei der Auflösung des Lagers gelang es ihr mit anderen Gefangenen zu fliehen, sie kehrte aber wenige Tage später in das befreite KZ zurück, um sich um die tuberkulosekranken Frauen zu kümmern. Erst Mitte Juni 1945 verließ sie das Lager. Nach ihrer Rückkehr aus Ravensbrück war sie erst in der BRD, später in der DDR eine Frau, die sich intensiv und unermüdlich für die Aufklärung der Verbrechen und dem Erinnern an das Lager widmete. 1948 schrieb sie: Die Frauen sind die Mehrheit unserer Bevölkerung und sie erhalten in dieser Frage (der Gleichberechtigung) eine wichtige Verstärkung durch die fortschrittlichen Männer, die es in allen Lagern gibt und die aus der Entwicklung heraus für die Gleichberechtigung der Frau eintreten. Den Frauen in den Parlamenten, in den Parteien und Gewerkschaften und in den Frauenorganisationen erwächst die Aufgabe, den Kampf um die Gleichberechtigung der Frau aufzunehmen und zu einer Angelegenheit aller fortschrittlich denkenden Menschen zu machen. Als ihre jüngste Tochter Bärbel, die sie sich nach Ravensbrück sehnlichst gewünscht hatte, 1971 mit 24 Jahren nach einem Selbstmordversuch starb, machte sie sich schwere Vorwürfe, als Mutter versagt und das politische Engagement in den Vordergrund gestellt zu haben. Wenige Monate später starb sie. Die tiefe Verantwortung als lebende Zeugen des elenden Lebens und Sterbens ihr (der Toten) Andenken wachzuhalten, hatte ihr Leben geprägt. „Briefe an eine Tote“, hatte Erika Buchmann ihre Totenklage über Charlotte Eisenblätter genannt, die in Ravensbrück hingerichtet wurde. Im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück lernte ich dich 1942 kennen. Du warst nicht ein Mensch, der sofort auffiel. So ganz allmählich, ruhig, drangst du in mich ein, wenn du nicht am Tisch saßest, fehlte etwas. Immer freundlich, immer bereit, ein wertvoller Mensch, der mir viel, viel geben konnte, den nicht nur ich, sondern viele andere schätzten und liebten.

Mara Cepcic (7. 12. 1895 – 22. 1. 1982), war eine Frau mit einer großen Begabung für Fremdsprachen aus Kroatien. Sie wurde Lehrerin, Hausfrau und Mutter und trat als Sängerin auf. Anfang der 30er Jahre – sie hatte sich von ihrem Mann getrennt – gründete sie einen Frauenverein, trat der Kommunistischen Partei bei und arbeitete für die ROTE HILFE. Nach der NS-Besatzung sammelte sie Lebensmittel und Geld für Verfolgte. Ihre Wohnung in der Steiermark wurde zum Treffpunkt für illegale Gruppen und Zentrum des Drucks von Flugblättern. Zwei ihrer Söhne kämpften gegen die Besatzungsmacht. 1941 kam sie nach Ravensbrück. In ihrer ersten Zeit dort führte sie Tagebuch. Sie wird als eine der vielen Frauen beschrieben, die anderen im KZ halfen - durch „Organisieren“ von Lebensmitteln, dem Wechsel in weniger anstrengende Arbeitskommandos und bei den Selektionen. Sie sang für andere Gefangene. Nach ihrer Rückkehr war sie in den 50er Jahren Vorsitzende der Kommission für ehemalige politische Gefangene, Internierte und Kriegsgefangene und nahm an den Treffen in Ravensbrück teil. Gleichzeitig wehrte sie sich aber auch dagegen, dass immer wieder die Wunden durch Berichte und Erzählungen der KZ-Gräuel aufgebrochen wurden. Nach ihrem Tod trafen sich die Überlebenden aus ihrer Heimatregion einmal im Monat, um an sie zu denken und um den Kontakt untereinander aufrecht zu erhalten.

Charlotte Delbo (10. 8. 1913 – 1. 3. 1985), Philosophin, Künstlerin, Schriftstellerin aus der Résistance, 1942 Verhaftung und Deportation nach Auschwitz, 1944 wurde sie von dort nach Ravensbrück deportiert. Über ihre Lagererfahrungen schrieb sie eines der eindrucksvollsten Bücher Auschwitz und danach, Trilogie, (deutsch Frankfurt/Main 1993). In ihrer Trilogie gelingt es ihr, ein zugleich poetisches und realistisches Bild von Auschwitz zu zeichnen. Nach 1945 arbeitete Charlotte Delbo für die Vereinigten Nationen und wurde Assistentin des Philosophen Henri Lefèbre. Sie kommentierte weiterhin politische Ereignisse und schrieb Essays, Theaterstücke und Prosatexte. Das Herz schlägt in Ravensbrück, so nannte sie eines der Kapitel in der Auschwitz-Trilogie.

Anna Demester (14. 1. 1912 – 31. 1. 1971) lebte zusammen mit ihrem Ehemann und ihren vier Kindern in einem Wohnwagen in Frankfurt/Main. Sie war Händlerin. Als 1939 die Verfolgung von Sinti- und Roma-Familien begann, wurde sie nach Ravensbrück deportiert. Bei ihrer anschließenden Arbeit in Rüstungsfirmen wurden gerade den Jüdinnen und den Sinti- und Roma-Frauen die gefährlichsten Arbeiten mit Sprengstoffen zugewiesen. Nach ihrer Rückkehr nach Frankfurt/Main nach 1945 musste sie erfahren, dass ihre gesamte Familie ermordet worden war. Die Behörden verweigerten ihr jahrelang jede Wiedergutmachungsleistung. Sie starb an den Spätfolgen der KZ-Haft.

Helen Ernst (10. 3. 1904 – 26. 3. 1948), Malerin. Ihr Vorbild war Käthe Kollwitz. Auch Helen Ernst stand der Arbeiterbewegung nahe und zeichnete für sie. 1924 bis 1931 war sie Lehrerin an der Kunstgewerbs- und Handwerkerschule Berlin Ost. Freiberuflich entwarf sie daneben Kostüme und war Pressezeichnerin.1934 emigrierte sie in die Niederlande, dort wurde sie 1940 wegen ihrer politischen Arbeit verhaftet und kam nach Ravensbrück. Ihre Erfahrungen dort verarbeitete sie unmittelbar nach 1945 in Zeichnungen zu dem Alltag in Ravensbrück. Von Mitgefangenen wurde sie beschuldigt, Spitzeldienste für die SS geleistet zu haben. In ihren letzten Lebensjahren führte sie einen zermürbenden Kampf für ihre Rehabilitierung. Sie gelang 1948. Kurz darauf starb sie an Tuberkulose. Helen Ernst über Helen Ernst Leider Gott sei Dank gehöre ich zu den Beneidenswerten, die die Romane erleben, die von anderen geschrieben werden. Ich bin kein Bilderstürmer, und meine äußere Frechheit ist eine schlechtsitzende Rüstung gegen die Torheiten der Welt. Mein Kern ist so weich, dass ihn das Ticken einer Uhr stören kann, und mein armes Leben trägt überall schlecht heilende Wunden. … Ich lebe ja immer zwischen zwei Katastrophen, trotz aller „positiven“ Anstrengungen. Ich muß neben meinem Werk eine lebendige und erwiderte Liebe haben dürfen. Sonst vertrockne ich, und meine Bilder werden blutlos. Immer sind meine Wunden so tief wie meine Lust. Schmerz ist ebenso gierig nach mir wie Glück. Keine Angst vor gefährlichen Wegen – nie ist das Leben schöner

Paula Frankenberg (30. 12. 1883 – 28. 8. 1942) war eine Frau, von der wir wenig und das Wenige nur durch die verzerrte Brille der GESTAPO wissen. 1940 zog sie nach Düsseldorf. Sie war katholisch und weigerte sich, die NS-Interpretation, sie sei Jüdin, zu akzeptieren. Durch die NS-Gesetzgebung und zunehmende Isolierung verlor sie ihre Wohnung und verstieß gegen die judenfeindlichen Gesetze, weil sie z. B. in einem Hotel wohnte. Die GESTAPO hielt sie für „hysterisch“, weil sie „nicht gewillt ist, die für Juden erlassenen Gesetze und Bestimmungen einzuhalten und dadurch Unruhe in die Bevölkerung trägt (Schutzhaftbefehl)“. Sie wurde 1941 nach Ravensbrück deportiert und starb dort 1942 mit 58 Jahren. Sie konnte nicht glauben, wie mit ihr umgegangen wurde, und appellierte in einem Brief an die GESTAPO 1941: Ich bin krank und friere auch wollen Sie mir bitte helfen. Paula Sara Frankenberg

Maria Grollmuß (24. 4. 1896 – 6. 8. 1944), Lehrerin, Publizistin, Sozialistin und Sorbin. 1934 wurde sie verhaftet und zu sechs Jahren Zuchthaus in Waldheim verurteilt. In dieser Zeit wandte sie sich der katholischen Spiritualität und der Marienlehre zu. Nach ihrer Haftzeit kam sie nach Ravensbrück. Die Briefe an ihre Schwester sind erhalten geblieben und veröffentlicht (Briefe nach Radibor: Maria Grollmuß, Essen 2000). Ihre Mitgefangenen schätzten und verehrten sie und fanden, dass sie eine Heilige war. In einem Brief schrieb sie 1940: Ja, in der Geschichte muss immer ein neuer Karfreitag kommen mit den dröhnenden Hammerschlägen der rohen Henkersknechte und mit dem Dunkel, das die Sonne auslöschte und mit der Frau, die unter dem Kreuz stand, sie stand und brach nicht zusammen … Und dann bringt die Geschichte wieder den neuen Ostermorgen, den Morgen der klaren Wasserquellen und des silbernen Lichts ... Jeden Morgen, der die Schrecken verbannt und die Freude bringt, der das Befleckte reinigt, der Altes erneuert und alles in seiner Vollkommenheit wiederherstellt. Maria Grollmuß starb 1944 in Ravensbrück.

Marie Günzl (23. 3. 1896 – 7. 1. 1983), Arbeiterdichterin, schon als junges Mädchen in der sudetendeutschen Arbeiterbewegung aktiv und später Frauensekretärin in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, Beteiligung an Widerstandsaktionen, ab 1938 politisch verfolgt und bis 1942 Inhaftierung in Ravensbrück. 1945 half sie einem mit der englischen Armee abgesprungenen Fallschirmspringer und sollte deshalb noch am 8. Mai 1945 hingerichtet werden. Weil eine revoltierende Menge das Gestapogefängnis stürmte, wurde sie in letzter Minute gerettet. Ihre Hafterfahrungen beschrieb sie in einer Broschüre Leid und Trost. Damit wollte sie eine Brücke zur Verständigung und Versöhnung bauen. Ab 1950 war sie eine der wenigen weiblichen SPD-Abgeordneten des bayrischen Landtags. Ihre politischen Ziele fasste sie unter der Formel Entgiftung der Politik zusammen. Sie schrieb Märchen und Gedichte. Aus Ravensbrück überlieferte sie u. a. die Erinnerung an eine Muttertagsfeier 1940 und schrieb über eine Mitgefangene: Wenn alle Menschen, so wie Mutter Lesser, den Geist und die Ansichten guter Bücher in sich aufgenommen und bewahrt hätten, wäre der Schaden, den die Nazis mit den Bücherverbrennungen angerichtet hatten, nicht halb so schlimm gewesen – so sagten wir zu ihr – und sie lächelte und zitierte weiter (Rilke und Goethe) zu unserer aller Ablenkung vom Leid und Konzentrierung auf guten, edlen deutschen Geist.

Hildegard Hansche (12. 10. 1896 – 1992), Lehrerin, Diplom-Volkswirtin, Sozialdemokratin, Geschäftsführerin des Vaterländischen Frauenvereins, aktiv beim Roten Kreuz. Sie holte 1925 das Abitur nach und promovierte über die Trusts in den USA. In der NS-Zeit stellte sie einen Schüler zur Rede, der auf der Straße einen Juden angespuckt hatte, wurde denunziert und nach Ravensbrück deportiert. In Ravensbrück gehörte sie zu der Gruppe um Gertrud Luckner, Eva Laubhardt, Katharina Katzenmaier und Änne Meier. Nach 1945 arbeitete sie als Lehrerin, Rektorin und Schulrätin in Luckenwalde und Singen. In den 70er und 80er Jahren knüpfte sie an ihr Engagement in der Friedens- und Antirassismusbewegung der 20er Jahre an. Ihr Wunsch war die Gründung einer Stiftung, um vor allem Jugendliche über die Gefahren des Nationalsozialismus aufzuklären und neue Erscheinungen, z. B. die Ausländerfeindlichkeit, zu analysieren. 1994 wurde die Stiftung gegründet und hat ihren Sitz in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, die auch ihren Nachlass verwaltet. Ziele der Hildegard Hansche-Stiftung sind - die Initiierung von Begegnungen junger Menschen mit ehemaligen Häftlingsfrauen und Häftlingen, - Forschungen über den Widerstand gegen den Faschismus und über die Verfolgung in der Nazizeit, - die Dokumentation und Spurensicherung von Widerstand und Terror, - Publikationen der Forschungsergebnisse.

Adélaide Hautval (1906 – 1988), kam aus dem Elsass und studierte Medizin in Straßburg. Ihr Schwerpunkt war die Psychiatrie. In ihrem Fach konnte sie bis 1941 arbeiten. Beim Grenzübertritt zwischen dem unbesetzten in den besetzten Teil Frankreichs wurde sie Zeugin, wie Polizisten eine jüdische Familie auf dem Bahnhof misshandelten. Sie schritt ein: Die Juden sind auch Menschen wie andere. Von den Polizisten und im Gefängnis wurde sie daraufhin als Jüdin behandelt. Sie arbeitete als Ärztin auf den Krankenstationen verschiedener Lager und ab 1943 in Auschwitz. Dort sollte sie als Assistentin an Medizinexperimente an Frauen teilnehmen. Im August 1943 – sie stand auf einer Selektionsliste – gab eine deutsche kommunistische Frau, Orli Wald, ihr ein Schlafmittel und tauschte sie gegen eine tote Frau aus. Im August 1944 wurde sie nach Ravensbrück verlegt. Nach ihrer Befreiung wurde sie Schulärztin. Ihr Buch Medizin gegen die Menschlichkeit schildert ihr Leben und Wirken. Wenn die SS kam, machte sich jeder kleiner … sie, wenn sie mit der SS sprach, wurde immer größer, sie wuchs förmlich vor denen auf, so wird sie von einer Mitgefangenen geschildert.

Gabriele Herz (26. April 1886 – 1957), stammte aus Wien aus einer reichen jüdischen Familie. Ihr Ehemann, Emil Herz, war im Ullstein-Verlag tätig. Gabriele Herz hatte vier Kinder und war integriert in die Kulturszene der Weimarer Zeit in Berlin. Als ihr Mann seine Stelle verlor, versuchte Gabriele Herz, für die Familie Emigrationsmöglichkeiten in Italien zu finden. Sie wurde nach einer Italienfahrt verhaftet und 1936 für ein halbes Jahr deportiert. Moringen war das zentrale Frauen-KZ vor Ravensbrück. Nach ihrer Entlassung gelang ihr die Emigration in die USA. Über ihre Haftzeit in Moringen schrieb sie ein Buch, Das Frauenlager von Moringen, Schicksale in früher Nazizeit, Berlin 2009, das sich durch liebe- und verständnisvolle und lebendige Schilderungen der mitgefangenen Frauen und ihrer Beziehungen untereinander auszeichnet. Ich führte sie (eine Zeugin Jehovas) zurück in den großen Saal zu ihrem Platz. Dort hocken neben ihr zwei ebenso absonderliche Gestalten, „die Zwergin“, eine verhutzelte sechzigjährige Mißgeburt, die sich aber dennoch ihres dritten Mannes und vieler Kinder und Enkel rühmt und die gleichaltrige Beneschin, die dauernd mit dem Kopf wackelt und dabei ihren Mund geöffnet hält, so daß man ihren einzigen, dafür aber besonders langen Zahn von schmutzig gelbem Glanz nach Gebühr bewundern kann. Als ich ein Stündlein später wieder den großen Saal betrat, fand ich die drei seltsamen Alten glücklich vertieft über ihrem Lieblingsspiel „Mensch ärgere dich nicht.“

Anna Caecilia (Cilly) Helten (26. 10. 1908 – 1974), stammte aus Düsseldorf und war die Freundin von Rosa Jochmann. Sie war in Ravensbrück Stubenälteste im politischen Block und Blockälteste im Industriehof. Nach ihrem Tod 1974 schrieb Rosa Jochmann: Ich weiß, was für ein Mensch Cilly gewesen ist. Sie war stets heiter und zu Späßen aufgelegt, aber zugleich ernst und politisch sehr bewußt … Cilly war auch hilfsbereit und aufopferungsvoll, was gerade ich mit großer Dankbarkeit genoß. Ich kam aus dem Zuchthaus und stand dem erbarmungslosen Lagerleben, in dem jeder Häftling Freiwild war, eingeschüchtert und hilfslos gegenüber. Cilly führte mich behutsam hindurch und – soweit es ihr möglich war- auch um alle gefährlichen Klippen herum. Nach 1945 trug Rosa Jochmann einen Ring, in dem die Häftlingsnummern von ihr und Cilly eingraviert waren.

Auguste Heuschkel (14. 8. 1903 – 22. 9. 1998), Arbeiterin, Verkäuferin, Telefonistin, war von 1939 bis 1941 in Ravensbrück inhaftiert, weil sie eine Liebesbeziehung zu einem polnischen Juden hatte. Sie war mit ihm 1936 nach Prag geflohen. Das Schicksal ihres Lebensgefährten, den sie nie wiedergesehen hatte, ist bis heute nicht geklärt. Da sie nach 1945 „keinen Beweis dafür erbringen konnte“, dass sie aus „politischen Gründen inhaftiert“ war, wurde ihr jahrzehntelang eine Rente verweigert. Als Lebensgefährtin ihres jüdischen Freundes wiederum scheiterte sie bei der Anerkennung, weil eine „ernsthafte Absicht der Eheschließung“ nicht bestanden hätte. Ihre Inhaftierung in Ravensbrück, die nicht zu leugnen war, wurde auf „persönliche Motive“ reduziert, „die nicht als Widerstand betrachtet werden können“. Erst 1968 erfolgte die Anerkennung. Nach 58 Jahren besuchte sie 1989 erstmalig Ravensbrück. Sie fand bei dieser Fahrt eine jüngere Freundin, Anna-Katharina Pelkner. Rückblickend schreibt diese über Auguste Heuschkel: Gustel hat wie viele ihrer Leidesgenossinnen jahrelang nicht über ihr Schicksal gesprochen. Sie hat geschwiegen, fand lange keine Möglichkeit, das Schreckliche und Schmerzhafte auszudrücken. Umso erstaunlicher fand ich ihren Willen, auch noch im hohen Alter, zuletzt im April 1998, ihrem 95. und letzten Lebensjahr, an den Jahresfeierlichkeiten zur Befreiung des KZ Ravensbrück teilzunehmen. Zu ihrer Beerdigung kamen zwanzig ehemalige Ravensbrückerinnen, die ihre Freundinnen waren.

Charlotte Holubars (12. 11. 1883 – 9. 11. 1944), Lehrerin, war Anhängerin der sog. Schönstatt-Bewegung, einer katholischen, marianischen Reformbewegung, die – 1914 gegründet – im unversöhnlichen Gegensatz zum Nationalsozialismus stand. 1939 stellte sich Charlotte Holubars ganz in den Dienst der Gottesmutter Maria: Wir fühlen uns schwach, aber sind bereit auch dann, wenn wir die Führung Gottes nicht mehr verstehen … Sei gegrüßt, O Königin, die wir bereit sind, auch das Leben herzugeben. Wir grüßen dich! In ihrer Wohnung fand die Gestapo bei einer Hausdurchsuchung Briefe des Gründers der Schönstatt-Bewegung, Pater Kentenich, der in Dachau inhaftiert war. Sie erhielt eine dreijährige Gefängnisstrafe, die sie jedoch nicht verbüßen konnte. Stattdessen wurde sie nach Ravensbrück verschleppt und starb dort 1944.

Marie Jarosova (13. 2. 1920 – 21. 1. 1998), lebte in Lidice, als das Dorf 1942 von der SS vernichtet und 172 Männer und Jungen getötet wurden. Die Kinder wurden verschleppt, über 70 in Chelmno ermordet. Die Frauen, darunter Marie Jarosova und ihre Mutter, wurden nach Ravensbrück deportiert. Ihre Mutter starb dort 1945. Nach ihrer Befreiung – sie floh auf dem Todesmarsch und kehrte zu Fuß nach Hause zurück – und Rückkehr nach Lidice engagierte sie sich für den Wiederaufbau der Stadt und war von 1956 – 1989 ihre Bürgermeisterin. Sie war von 1976 an Vorsitzende des tschechoslowakischen Frauenverbandes und bis 1989 stellvertretende Parlamentsvorsitzende.

Eliane Jeannin-Garreau (18. 3. 1911 – 15. 6. 1999), begann ab 1933 in Paris Malerei zu studieren, musste aber ihr Studium abbrechen und wurde Bankangestellte. Nach der Besetzung Frankreichs schloss sie sich einer Widerstandsgruppe an. Ich war gleichzeitig Briefkasten, Verbindungsmann, Produzent falscher Papiere, Redakteurin der illegalen Presse. Meine Wohnung diente als Asyl für die Geflohenen, als Absteigequartier für die Londoner Verbindungsleute, als Treff für die Mitglieder unseres Netzes und als Lager für illegale Flugblätter und Zeitungen, schrieb sie. 1943 wurde sie verhaftet und nach Ravensbrück, anschließend nach Holleischen, einem Außenlager von Flossenbürg, deportiert. Nach 1945 arbeitete sie wieder in einer Bank, heiratete und bekam eine Tochter. Bereits im KZ zeichnete sie. Viele ihrer Zeichnungen entstanden Ende der 80er Jahre, als sie ein Erinnerungsbuch schrieb. Wir sind die letzten Zeugen. Und wir müssen bezeugen, was es uns auch kostet.

Milena Jesenska (10. 8. 1896 – 17. 5. 1944), Tschechische Journalistin und Schriftstellerin, Jüdin, Kommunistin, wurde 1936 aus der Partei ausgeschlossen. Ab 1939 arbeitete sie illegal im Widerstand und organisierte u. a. die Flucht von Juden aus Prag nach Polen. Sie wurde im November 1939 verhaftet und nach ihrem Freispruch nach Ravensbrück deportiert. Einem breiten Publikum ist sie durch den Briefwechsel mit Franz Kafka bekannt. In Ravensbrück freundete sie sich mit Margarete Buber-Neumann an, die ihre tote Freundin in einer Biographie (Milena, Kafkas Freundin 1977) würdigte. Buber-Neumann schrieb über sie: Sie benahm sich auf der Straße des Konzentrationslagers genauso, als hätte man uns auf dem Boulevard irgendeiner friedlichen Stadt einander vorgestellt, Sie dehnte die Begrüßung aus. Sie war völlig beherrscht von der Freude, einen neuen Menschen kennenzulernen, ein fremdes Schicksal zu ergründen. Unbeirrt durch das murrende Gewimmel um uns kostete sie dieses Ereignis in aller Ruhe aus. In den ersten Minuten hatte mich ihre Unbekümmertheit aufgebracht, dann aber begann sie mich zu faszinieren. Hier war ein Mensch mit noch ungebrochenem Selbstbewußtsein, ein freier Mensch inmitten all der Erniedrigten. 1944 starb sie in Ravensbrück nach einer Operation.

Rosa Jochmann (19. 7. 1901 – 28. 1. 1994), Ich bin eine stolze Proletarierin war die Selbstdefinition der Arbeiterin, Sozialdemokratin und Gewerkschaftsfunktionärin aus Wien. Ab 1932 war sie Reichssekretärin des Frauenzentralkomitees. 1934 gründete sie die illegale Organisation „Revolutionäre Sozialisten“ mit, wurde verhaftet und kam 1939 in Gestapohaft. Im März 1940 wurde sie nach Ravensbrück deportiert. Sie war Blockälteste im politischen Block und half ihren Mitgefangenen. Nach 1945 war sie 22 Jahre lang Abgeordnete im österreichischen Parlament und vernetzte die überlebenden Frauen nicht nur aus Österreich. Schwerpunkte ihrer politischen Arbeit waren u. a. die Gleichberechtigung der Frauen und die Sorge für eine angemessene Wiedergutmachung der NS-Opfer. Es gibt großartige Beispiele ihrer Rettungsaktionen in Ravensbrück. Ria Apfelkammer erzählte z. B.: Für Eugenie Klemm und die Maria vom russischen Block hat Rosl sehr viel getan. Ich erinnere mich an ein besonderes Ereignis im Lager, als die „Rote Armee“ in den Hungerstreik getreten ist (die Soldatinnen der Sowjetunion weigerten sich, in den Rüstungsbetrieben für die deutsche Wehrmacht zu arbeiten), da waren es Rosl und Cilly, die am Block für sie gesammelt haben. Rosl ging in die Küche und hat ein paar Würfel Margarine, Zucker, Brot und Wurst herausgeholt. Es wurde ein ganz großes Paket, das eine Tschechin und ich in der Dunkelheit in den russischen Block gebracht haben … Zur Zeit, als der Judenblock noch existierte, hat Rosl immer einen Kessel Essen organisiert.

Katharina Katzenmaier (1918 – 2000), ihr Lebenswunsch war es, christlich zu leben und zu arbeiten. 1942 trat sie ihre erste Stelle als Seelsorgerin in Puttlingen an. Sie zeigte offen ihren Widerstand und ihre Abneigung gegen die NS-Ideologie und riss u. a. Propagandaplakate ab. Nach ihrer Verhaftung und mehreren Monaten Haft wurde sie 1943 nach Ravensbrück deportiert. Sie besaß u. a. ein kleines Messbuch und eine Marienmedaille und versammelte andere Häftlinge zu religiösen Zeremonien um sich. Die Marienmedaille hatte sie in ihrer Zahnpastatube ins Lager geschmuggelt. Auch die Gefangenen in der Effektenkammer nahmen religiöse Gegenstände aus den Transporten heimlich an sich und gaben sie weiter. Auch haben sie aus Brot mit Hilfe des Speichels kleine Perlen geformt und sie auf herausgezogenen Fäden des Sträflingskleides zu kleinen Rosenkränzen aufgefädelt. Sie wurde auf dem Todesmarsch von der Roten Armee befreit. Nach ihrer Rückkehr aus Freiburg begann sie eine Lehramtsausbildung und trat 1949 in das Kloster St. Lioba in Freiburg-Günterstal ein. Als alte Frau beschrieb sie ihre KZ-Erfahrungen in dem Buch „Vom KZ ins Kloster“ (St. Ottilien 1996).

Hanna Kiep (10. 2. 1904 – 22. 8. 1979), Juristin und Diplomatin. Sie studierte Jura und Staatswissenschaften in Berlin, Oxford und Genf und besuchte gleichzeitig eine Handels- bzw. eine Dolmetscher- und eine Hauswirtschaftsschule. 1925 heiratete sie und lebte an der Seite ihres Ehemannes Otto Kiep das Leben einer Diplomatenfrau in den USA, England, Ostasien und Südamerika. Sie hatte drei Kinder. Nebenbei engagierte sie sich in sozialen Feldern. Sie und ihr Mann waren Mitglied des sog. Solf-Kreises, denen die Nationalsozialisten 1944 Hochverrat vorwarfen. Sie wurde in Berlin verhaftet und in Ravensbrück interniert. In Ravensbrück waren auch andere Frauen des Solf-Kreises interniert, Isa Vermehren, Marie-Louise Sarre, Elisabeth von Thadden, Hanna Solf und ihre Tochter Lagi Gräfin von Ballestrem. Hanna Kieps Ehemann wurde hingerichtet, sie selbst freigesprochen und entlassen. Einer ihrer Söhne starb im Krieg. Nach 1945 half sie den Amerikanern beim Aufbau einer deutschen Zivilverwaltung, 1946 wurde sie Vorstandsmitglied des Roten Kreuzes und arbeitete u. a. in der Frauenorganisation „Woman“ (Weltorganisation der Mütter aller Nationen) und dem „Deutschen Hausfrauenverband“ mit. Ab 1949 arbeitete sie im diplomatischen Dienst und wurde zur Frauenreferentin in New York ernannt. Ihr Einsatz für die Frauen und die Menschenrechte machte sie weltweit bekannt.

Edith Kiss (21. 11. 1905 – 1966), ungarische Jüdin aus Budapest. Sie hatte in Düsseldorf Bildhauerei studiert und war eine bekannte Bildhauerin in Ungarn. Mit Tausenden von ungarischen Jüdinnen wurde sie im Herbst 1944 nach Ravensbrück deportiert. Mit Agnes Bartha, einer Mitgefangenen, entwickelte sich auf den Deportationsmärschen eine lebenslange Freundschaft. Zwangsarbeit leistete sie in den Daimler-Benz-Werken in Genshagen/Ludwigsfelde. Eine deutsche Häftlingsschreiberin, Friedel Franz, sorgte dafür, dass die jüdischen Frauen zusammen und relativ gut untergebracht wurden. Dort schuf sie Skizzen über das Lagerleben, die jedoch nicht erhalten sind. Agnes Bartha: Da besprach ich mit Edith, dass wir den Frauen eine Freude machen wollten, damit sie ihren Mut nicht ganz verlieren. Sie sprach nie über ihre KZ-Erlebnisse und verarbeitete sie in Bildern zu dem Thema „Deportation“, die bereits im September 1945 erstmalig in Budapest ausgestellt wurden. Sie lebte in Marokko, Frankreich und England. In Paris beging sie 1966 Selbstmord.

Tilde Klose (22.12.1982 – 1942), wurde als aktive Kommunistin aus Düsseldorf 1934 verhaftet und kam nach langjährigen Gefängnisaufenthalten 1939 nach Ravensbrück. Dort arbeitete sie im Vorraum des Bades und kümmerte sich um neu angekommene Häftlinge. Sie versuchte, ihnen ein wenig menschliches Vertrauen zu geben und vermittelte den Kontakt zwischen neu ankommenden und „alten“ Lagerfrauen. Sie arbeitete mit Olga Benario in Ravensbrück an dem Weltatlas und wurde mit ihr 1942 nach Bernburg deportiert und dort mit 1600 anderen Frauen ermordet. Mit ihr starben auch Lina Bertram, Irene Langer und Rosa Menzer. Charlotte Henschel, die überlebte, berichtete: Tilde verteilte noch ihre Sachen: die fremdsprachigen Bücher, das Schachbrett und was man so an Kostbarkeiten im Lager haben kann, wir umarmten uns und fort ging es, dem ungewissen Schicksal entgegen.

Eugenia Kocwa (11. 11. 1907 – 25. 11. 1963) gehörte zu der größten Gruppe im KZ Ravensbrück, den Polinnen. Sie war Stenografin im polnischen Parlament und in einer Presseagentur und im Krakauer Widerstand aktiv. 1941 wurde sie verhaftet und kam nach Ravensbrück. 1944 konnte sie fliehen und sich bis zur Befreiung versteckt halten. Ihre Geschichte „Flucht aus Ravensbrück“, 1949 geschrieben, wurde 1973 auf Deutsch veröffentlicht. Sie schildert darin Hilfe und Unterstützung von anderen, aber auch eisige Ablehnung. Ein Zitat, nachdem ein Pfarrer seine Hilfe verweigerte: Die religiöse Inbrunst, in der ich dreieinhalb Jahre im Gefängnis und im Konzentrationslager gelebt hatte, hatte in mir völlig falsche Vorstellungen über die Verhältnisse in der Welt geformt. Es schien mir unausdenkbar, dass ein katholischer Pfarrer einem Menschen in meiner Lage seine Hilfe versagen konnte. Über ihre Gefühle im Moment der Selbstbefreiung schrieb sie: Ich fühlte mich jedoch keineswegs identisch mit einem Häftling des Konzentrationslagers, der ich noch vor wenigen Augenblicken gewesen war, so als hätte ich mich selbst in dieser seichten Pfütze ertränkt. Nach dem Krieg schrieb sie zahlreiche Artikel über ihre Erlebnisse.

Else Krug (1900 - 1942) wurde Ende der 30er Jahre in Düsseldorf bei einer reichsweiten Aktion gegen angebliche Asoziale verhaftet und nach Ravensbrück deportiert. In Düsseldorf hatte sie als Prostituierte (Domina) gearbeitet. In Ravensbrück weigerte sie sich als Funktionshäftling, Frauen zu schlagen. Sie beaufsichtigte Frauen, die als sog. Asoziale in einem Vorratskeller eingesetzt wurden, und galt als „respekteinflössende“ Persönlichkeit, weil es ihr gelang, die bei der Arbeit organisierten Waren unter den Mitgliedern der Kolonne gerecht zu verteilen. 1942 wurde sie nach Bernburg deportiert und dort ermordet.

Eva Laubhardt (Sr. Placida) (16. 5. 1904 – 4. 1. 1998), Schwester aus dem Benediktinerinnenorden St. Lioba in Freiburg. Sie arbeitete von 1926 – 1938 beim Caritasverband Freiburg und war seit dieser Zeit mit Gertrud Luckner freundschaftlich eng verbunden. Da sie unter ständiger Beobachtung der Gestapo stand, floh sie in ein belgisches Kloster, kehrte aber 1940 zurück. Als „Halbjüdin“ wurde sie 1943 verhaftet und nach Ravensbrück deportiert. Nach 1945 schrieb sie über die letzte Zeit: Wenn ich im Lager mal endlich an die Möglichkeit des Heimkommens dachte, dann war mir klar, dass meine Kraft nicht weiter reichen würde bis in den Chor von St. Lioba. Der Gedanke heimzukommen, dort wieder dem Gottesdienst beizuwohnen, war so unfassbar, dass ich einfach wusste, weiter reicht es nicht.

Käthe Leichter (20. 8. 1895 – 17. 3. 1942), österreichische Sozialwissenschaftlerin und Gewerkschafterin, Jüdin. Sie war Gründerin und Leiterin des Frauenreferats der Arbeiterkammer in Wien. Ihre Zulassung zum Studium der Staatswissenschaften erkämpfte sie sich durch eine Klage vor dem Reichsgericht und promovierte in Heidelberg. Im Ersten Weltkrieg war sie aktive Pazifistin. 1934 flüchtete sie in die Schweiz, kehrte aber bald nach Wien zurück und arbeitete illegal u. a. mit den Sudentendeutschen Sozialdemokraten zusammen. Ende Mai 1938 wurde sie festgenommen und 1940 nach Ravensbrück deportiert. Als Jüdin lebte sie dort unter besonders katastrophalen Bedingungen. Sie war die „Lagermutter“ von Rosa Jochmann, die über sie schrieb: Genossin Leichter war die Seele ihres Blocks und uns „Politischen“ die Lehrerin, die sie draußen gewesen war. Die Juden waren alle auf einem Block untergebracht, 500 im Jahre 1940, niemand wurde so gequält wie sie … Viele wunderbare Gedichte hat Käthe Leichter geschrieben, wir mussten sie nach ihrem Wunsch alle vernichten, da sie immer sagte: „Ich habe sie ja im Kopf, und ich weiß, ich komme bestimmt nach Hause.“ Leider sind nun alle bis auf ein einziges verloren gegangen. An das Kontaktverbot mit Jüdinnen hielten sich viele Frauen nicht. Käthe Leichter veranstaltete regelmäßig literarische Nachmittage im „Judenblock“ und schrieb ein Theaterstück „Schum, Schum“ mit Spottliedern auf die SS. Es wurden Freiheitslieder und ?gedichte gesungen. 1942 wurde sie mit den anderen politisch aktiven Jüdinnen nach Bernburg deportiert und dort ermordet.

Ella Lingens (18. 11. 1908 – 2002), Juristin und Ärztin, österreichische Widerstandskämpferin. Sie half, zusammen mit ihrem Ehemann Kurt, verfolgten Juden bei ihrer Flucht, nahm Juden auf und unterstützte Angehörige von Emigrierten mit Lebensmittelkarten. Ihren kleinen dreijährigen Sohn gab sie zu einer überzeugten Nationalsozialistin und mütterlichsten aller Frauen. 1942 wurde sie verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Als deutsche, nicht jüdische Häftlingsärztin war sie in einer privilegierten Position und hatte – selbst bei der SS – eine große Autorität. Dabei halfen ihr ihr großes Einfühlungsvermögen in andere Menschen, ihre analytischen Fähigkeiten und ihr taktisches Geschick. Sie nutzte ihre Position im Interesse der Gefangenen und litt, wenn sie an die Grenzen ihrer Hilfsmöglichkeiten stieß. Zweimal war sie dem eigenen Tod ganz nahe. Als sie nach Wien zurückkehrte, hatte ihr Ehemann eine andere Frau gefunden und ließ sie nicht in die eigene Wohnung. Ihre Erinnerungen an Auschwitz hat sie 1947 in ihrem Buch „Gefangene der Angst“ niedergeschrieben. In diesem Buch geht sie u. a. auch auf die Unterschiede in den Konzentrationslagern Auschwitz und Ravensbrück ein.

Gertrud Luckner Gerda Lissack (1904-1942), Graphikerin und Zeichnerin, war zusammen mit Gabriele Herz u. a. im „Judensaal“ des Konzentrationslagers Moringen inhaftiert. Gerda Lissack war gehbehindert und wurde am 21. Januar 1942 in Ravensbrück ermordet.

Lore Agnes (26. 9. 1900 – 31. 8. 1995), Diplom-Volkswirtin, half ab 1933 Juden bei der Emigration. Ab 1936 arbeitete sie in der Zentrale des Caritas-Verbandes in Freiburg und setzte dort ihre Hilfstätigkeit fort. Ihr persönliches Verhalten – sie ging beispielsweise mit Juden spazieren oder begleitete sie in den Gottesdienst - war ebenso mutig wie ihr berufliches Engagement. 1943 wurde sie von der Gestapo Düsseldorf verhaftet und nach Ravensbrück deportiert. Sie überlebte mit Hilfe anderer Frauen. Nach 1945 arbeitete Gertrud Luckner in der Verfolgtenfürsorge der Caritas und war Herausgeberin und Redakteurin des Freiburger Rundbriefes zur Förderung der Freundschaft zwischen dem alten und neuen Gottesvolk – im Geiste der beiden Testamente. Ihre Tagebuchaufzeichnungen aus Ravensbrück sind erhalten geblieben und herausgegeben worden.

Anja Lundholm (1918-2007), in Düsseldorf geboren. Ihre Jugend wurde geprägt durch extreme Spannungen und Belastungen in ihrem Elternhaus. Ihr Vater war ein überzeugtes Mitglied der NSDAP, ihre Mutter Jüdin, die 1938 Selbstmord beging. Anja Lundholm war Schriftstellerin. Sie verarbeitete ihre Erfahrungen in ihrer Haft und in Ravensbrück u. a. in den Berichten „Das Netz“ und „Das Höllentor“. Mit anderen Frauen zusammen konnte sie auf dem Todesmarsch fliehen. Die ersten Momente der Freiheit beschrieb sie so: Dann ist es soweit. Wir helfen einander auf die Beine, pflücken das klettige Gesträuch aus den Kleidern. Frei! Ruft Usch. Wir sind frei! Noch zu früh, sagt Erika. Aber die Hölle, freut sich Kartoffelnase mit einem Blick in die Richtung, aus der wir gekommen sind, sie liegt hinter uns. Gabriele folgt ihrem Blick ohne Lächeln. Schüttelt sacht den Kopf mit den grauen Stoppeln. Deutet mit dem Finger auf die Gegend ihres Herzens: Nein sagt sie. Sie liegt hier. In uns, uns allen. Bis ans Ende unserer Tage ... Ihre Schriftstellerkollegin Eva Demski schreibt über das „Höllentor“: Ich habe miterlebt, wie Anja Lundholm dieses Buch aus sich heraus gebracht hat, der von ihr so mißtrauisch beäugte Körper- ihrer – sagte ihr nachdrücklich, daß das alles nicht auszuhalten sei. Es ging ihr schlecht während des Schreibens, aber gleichzeitig wirkte ihre Stimme gelassen wie sonst, fast heiter.

Doris Maase (1911-1979), Ärztin, Kommunistin, „Halbjüdin“, 1936 verhaftet und ab Mai 1939 in Ravensbrück, Revierärztin, nach 1945 Arztpraxis in Düsseldorf, Sprecherin der Lagergemeinschaft und Vizepräsidentin des Internationalen Ravensbrück-Komitees. Ihre Briefe aus Ravensbrück an ihren Ehemann sind erhalten geblieben. Über ihren Widerstand in der NS-Zeit sagte sie: Daß man sich gegen den Faschismus engagiert war eigentlich selbstverständlich … Entweder man hat eine Meinung oder man hat keine, und wenn – dann muß man die Konsequenzen auf sich nehmen. Andererseits glaubte ich einfach: Dich trifft es nicht. Du siehst dich vor, du hast nur eine Verbindung, die Sache klappt – sonst hätte man das wahrscheinlich nicht gekonnt … Es war also nicht nur Mut, es war auch zum Teil Unkenntnis. Und wenn sie uns damals glimpflich behandelt hätten, wären wir vielleicht heilfroh gewesen und hätten anschließend still gehalten. Eigentlich haben uns die Nazis erst wirklich zu Kommunisten gemacht. Nach 1945 wurde Doris Maase Landtagsabgeordnete der KPD und kämpfte um Wiedergutmachung. Das KPD-Verbot 1956 traf sie hart, sie wurde zu 8 Monaten Gefängnis (auf Bewährung) verurteilt, in den 60er Jahren wurden sämtliche Entschädigungs- und Wiedergutmachungsleistungen von ihr zurückgefordert, weil sie „weiterhin an ihrer politischen Gesinnung“ festhielt.

Rosa Manus (20. 8. 1881 – 28. 4. 1943), Vizepräsidentin der „International Woman Suffrage Alliance (Weltbund für Frauenstimmrecht)“, Jüdin, gründete 1935 in Amsterdam das „Internationale Archiv der Frauenbewegung“, das 1990 in Moskau wiederentdeckt wurde. Ihre zentralen politischen Ziele, die sich in ihrem Ex-Libris-Zeichen widerspiegeln, waren das Frauenwahlrecht und ein dauerhafter Frieden. Sie wurde bekannt wegen ihres hervorragenden Organisationstalentes und der Fähigkeit, finanzielle Unterstützung für die Frauenstimmrechtsbewegung einzuwerben. Sie arbeitete dort zusammen mit ihrer Freundin Mia Boissevain. 1929 nahm sie an der Internationalen Konferenz für Frauenwahlrecht in Berlin teil, 1933 wurde sie Vorsitzende eines Frauenkomitees, das sich für jüdische Verfolgte einsetzte. Sie wurde 1940 nach der Besetzung Hollands verhaftet und 1941 nach Ravensbrück deportiert. In Ravensbrück war Rosa Manus bereits über 60 Jahre alt und litt an einer Gallenblasenentzündung. Während ihre Sterbeurkunde suggeriert, sie sei 1942 nach Bernburg deportiert und dort ermordet worden, erklärte eine Mitgefangene, Nora Walter, Frauen hätten sie vor dieser Deportation in den Tod geschützt und noch 11 Monate in Ravensbrück versteckt. Das niederländische Rote Kreuz kam nach einer Untersuchung zu dem Ergebnis, Rosa Manus sei 1943 in Ravensbrück gestorben. Auf dem Gedenkstein des Familiengrabes in Amsterdam heißt es: (Sie) hat ihr Organisationstalent und ihre Menschenkenntnis, ihre Energie und ihr Vermögen darauf verwendet, Frauen voran zu bringen. Nur wenige haben Rosa Manus an Hingabe und Bescheidenheit übertroffen.

Maria Massariello Arata (14. 12. 1912 – Februar 1977), Naturwissenschaftlerin und Lehrerin, ihr Fachgebiet war immunologische Abwehrmechanismen bei Pflanzen. Im italienischen Widerstand gab sie geheime Informationen weiter und fälschte Ausweispapiere für Juden und Deserteure, 1944 Verhaftung und Deportation nach Ravensbrück. Nach 1945 arbeitete sie als Lehrerin und hatte drei Kinder. Unmittelbar nach der Befreiung schrieb sie ihre Tagebuchnotizen aus Ravensbrück nieder, in Ravensbrück gab sie „Bollettins“, Nachrichtenblätter für die italienischen Gefangenen, heraus und überlieferte ein Namensverzeichnis der Italienerinnen. 1969 kehrte sie mit anderen Italienerinnen erstmalig nach Ravensbrück zurück. Die beste Rache – so sagte sie ihrer Tochter – bestünde darin, zu fünft nach dorthin zurückzukehren, wo sie allein hätte sterben sollen.

Änne Meier (3. 1. 1896 – 20. 7. 1989) kam aus einer katholischen Familie und war Lehrerin und Fürsorgerin. Entscheidend für ihre Entwicklung waren die Begegnungen im „Quickborn“, einer liturgischen Jugend- und Erneuerungsbewegung, und mit Romano Guardini auf Burg Rothenfels. Sie hatte sich auf die Tuberkuloseforschung spezialisiert. Als die NS-Vorgesetzten nachdrücklich von ihr die Herausgabe ihrer Unterlagen verlangten, weigerte sie sich. Durch den Austausch mit anderen wusste sie Bescheid über die „Euthanasie“-Pläne der Regierung. Die Galenbriefe kursierten unter den kritischen Katholiken. Auf den Hitlergruß antwortete sie mit „Grüß Gott“. 1942 wurde sie „wegen fanatischem Einsatz für die katholische Bewegung“ verhaftet und nach Ravensbrück deportiert. Nach 1945 wurde sie wieder Kreisfürsorgerin in St. Ingbert. Wo unsere Jugend stand, konnte der BDM nur schwer aufkommen. Wir „schalteten nicht um“, sondern arbeiteten als rein religiöser Bund im Kirchenraum weiter. In St. Wendel wurde 1996 eine Schule für geistig behinderte Kinder nach ihr benannt.

Käte Niederkirchner (7. 10. 1909 – 1944), eine junge, mutige Frau, die in der DDR als konsequente Gegnerin des Faschismus verehrt wurde und nach der heute zwei Straßen in Berlin benannt sind. Die kommunistisch orientierte Familie emigrierte 1933 in die Sowjetunion. 1943 sprang sie als Fallschirmspringerin hinter der Frontlinie ab, um zu polnischen Partisanen zu kommen. Der Plan wurde verraten, sie wurde gefasst und nach Ravensbrück gebracht. Dort wurde sie im September 1944 hingerichtet. Abschiedsbriefe von ihr sind erhalten geblieben: Meine liebe gute Hilde! Ich danke dir für den Gruß und alle Liebe, die du mir erwiesen hast. Ich bin so froh, dass wir uns getroffen haben. Alle waren so gut zu mir. Ich bin hier mit drei Frauen in einer Zelle, sie sind geistesgestört. So kann ich mit niemandem sprechen. Daß ich sterben muß, weiß ich; es ist nur niederdrückend jung zu sterben, ohne etwas geleistet zu haben. Jeden Tag schließe ich mit dem Leben ab und denke, heute abend ist es soweit und die Nacht ist entsetzlich. Dann fängt wieder der Morgen an, die Qual beginnt von neuem. Werden sie heute kommen? Und: Ich hätte noch so gern die neue Zeit erlebt. Es ist so schwer, kurz vorher gehen zu müssen, lebt wohl alle, vielen Dank noch einmal für alles Gute, was ihr mir in der kurzen Zeit angetan habt. Grüßt alle. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, so müsstet ihr mir jetzt das Lied. „Oh, singt mir ein Lied, dass ich scheiden muss“, singen.

Yvonne Pagniez (16. 8. 1896 – 18. 4. 1981), studierte Deutsch und Philosophie. Nach der Besetzung Frankreichs schloss sie sich als gläubige Katholikin der Résistance an und wurde 1940 verhaftet und nach Ravensbrück deportiert. Ihr gelang aus einem der Außenlager die Flucht, die sie in ihrem Erinnerungsbuch „Evasion 44 1949“ beschrieben hat. Mit anderen Frauen kam sie zu geheimen Gebetsstunden zusammen: Als begabte Künstlerin hatte Frau Baratte in einer Ecke der Baracke einen kleinen Altar improvisiert, wo ein Christus, aus Brotteig geknetet, sich abhob von einer Trikolore, die wir mit vieler Mühe zustande gebracht hatten, indem wir aus unseren Hemden und Kleidern blaue, weiße und rote Streifen herausschnitten. Herzbewegendes heimliches Gebet, das wir unter Zittern sprachen, zwei oder drei von uns immer auf Wache stehend, um die Annäherung eines SS-Mannes oder einer Aufseherin zu melden. Denn jede religiöse Aktivität wurde streng bestraft und die Fahne schleunigst verschwinden gelassen, wir gingen sofort auseinander.

Sylvia Salvesen (1890-1973), Norwegerin. In Ravensbrück stahl sie Medizin und fälschte medizinische Atteste. Durch Kontakte zu einem norwegischen Gefangenen in Sachsenhausen, Prof. Seip, erhielt sie Verbindung zum Roten Kreuz und zu Graf Bernadotte, der ein Hilfskorps für die Gefangenen aus den skandinavischen Ländern organisieren konnte. Im März 1945 gelang es, Tausende von Gefangene aus Ravensbrück zu retten. Sylvia Salvesen wird von den Mitgefangenen als besonders hilfsbereit und liebevoll geschildert. Sie wurde bei ihren Rettungsbemühungen von einer deutschen Krankenschwester, Gerda, unterstützt. Ein Zitat von ihr aus ihrem Buch Forgive – but not forget (London 1958): Wir pflegten von Block zu Block zu gehen, viele der Frauen kannten uns von den Untersuchungen im Revier. Schließlich kannten wir Hunderte von Namen. Alle kamen mit ihren Sorgen und Beschwerde zu uns, und wir hörten alle Nachrichten und Gerüchte, die von den Außenkommandos oder den SS-Familien, welche Radio besaßen, arbeitenden Bibelforscherinnen kamen. Wir fungierten als eine Art lebende Zeitung, die herumging, nicht nur mit Nachrichten von Block zu Block, sondern auch mit Grüßen von Kranken im Revier an ihre verschiedenen Freundinnen.

Hildegard Schaeder (13. 4. 1902 – 11. 4. 1984), machte 1920 in Breslau das Abitur und studierte klassische und slawistische Philologie, Geschichte und Philosophie. Sie promovierte 1927 an der Universität Hamburg und nahm 1935 eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Preußischen Staatsarchiv an. 1934 war sie Mitglied der Bekennenden Kirche geworden und arbeitete aktiv in der Gemeinde von Pastor Martin Niemöller in Berlin-Dahlem. Die Betreuung der Juden, die in das Ghetto Lublin verschleppt worden waren, war Schwerpunkt ihrer Gemeindearbeit. 1943 wurde sie wegen der „Begünstigung flüchtiger Juden“ verhaftet und kam im Frühjahr 1944 nach Ravensbrück. Nach ihrer Befreiung schrieb sie 1947 Ostern im KZ, war Referentin der evangelischen Kirche in Frankfurt/Main und Honorarprofessorin an der dortigen Universität. Über die sog. „Bettpolitikerinnen“ in Ravensbrück, Frauen, die mit Fremden unerwünschte Beziehungen hatten, schrieb sie: „Für dich!“, das gab es für viele der Frauen nicht mehr. Die Männer hatten sich in den meisten Fällen von ihnen losgesagt, was durch die nationalsozialistische Regierung gefördert wurde. Zum Teil hatten die Frauen aus Scham auch selbst jede Verbindung mit der Familie abgebrochen. Ihre Kinder gehörten ihnen nicht mehr, sie standen völlig isoliert … Aber ein Ereignis gab es, das urplötzlich wie ein sieghafter Sonnenstrahl allen Nebel durchdrang und die Störrigen aufmerksam und geschmeidig machte. Das war der Ruf „Ein Paket!“ … und plötzlich gab es in den grauen Vorweihnachtswochen ein „Für dich!“

Henny Schermann (19. 2. 1912 – 1942), Verkäuferin. Ihre Eltern waren nach Frankfurt/Main eingewanderte russische Juden, deren drei Töchter in Deutschland geboren wurden. Henny Schermann weigerte sich in der NS-Zeit die ihr aufgezwungene Definition einer zu verfolgenden Jüdin mit umzusetzen und führte deshalb nicht den zusätzlichen Vornamen „Sara“. Die Gestapo fand heraus, dass sie in lesbischen Lokalen verkehrte und deportierte sie nach Ravensbrück. Dort wurde sie 1942 ermordet.

Auguste Schneider (6. 1. 1891 – 10. 6. 1975), mit Anfang 40 wurde sie 1933 „Ernste Bibelforscherin“ und trat aus der Kirche aus. Von dem Verbot der Zeuginnen Jehovas durch die Nationalsozialisten ließ sie sich nicht beeindrucken und tauchte unter. 1940 kam sie unmittelbar nach einer Strafhaft als Schutzhäftling nach Ravensbrück. Bis 1945 musste sie einen schrecklichen Weg durch verschiedene Konzentrationslager gehen. Im März 1942 gehörte sie zu den ca. 1.000 Häftlingsfrauen aus Ravensbrück, die Auschwitz-Birkenau aufbauen mussten, im Herbst 1944 wurde sie nach Mauthausen und schließlich noch nach Bergen-Belsen deportiert. Sie fand wieder Kraft und Zutrauen in die Welt, als sie nach 1945 wieder aktiv in der Gemeinschaft der Bibelforscher in Bad Kreuznach wurde. Die Bibelforscherinnen in Ravensbrück wurden von vielen Mitgefangenen mit großer Hochachtung beschrieben. Sie weigerten sich z. B., einer Hitlerrede zuzuhören, an der Kriegsproduktion teilzunehmen und ihrem Glauben – auch nicht zum Schein – abzuschwören. Alle äußeren Ordnungsregeln der SS befolgten sie ansonsten vorbildlich, ihr Block war Besichtigungs- und Musterblock. Zu den inhaftierten Zeuginnen Jehovas gehörten in Ravensbrück auch Frieda Christiansen, Charlotte Perske, Marianne Korn, Gertrud Pötzinger, Elfriede Löhr, Ellen Fey, Charlotte Mütter, Dorothea Golly, Margarete Niklasch, Klara Schwedler, Augusta Bender, Berta Simanowski, Ruth Bruch, Rosa Möll und Lina Schatz. Charlotte Tetzner, eine Mitgefangene, konvertierte in Ravensbrück und nähte sich selbst einen lila Winkel an die Kleidung.

Rita Sprengel (6. 1. 1907 – 20. 12. 1993), Juristin, Arbeitsökonomin, Schriftstellerin, Sozialdemokratin und Kommunistin. Sie setzte sich engagiert – auch als Rechtsanwältin - für die Arbeiter ein und wurde 1933 zusammen mit ihrem Ehemann Horst verhaftet. Sie war in Berlin und Moringen in Gefangenschaft. Im KZ Moringen waren etwa 70 Kommunistinnen inhaftiert. Rita Sprengel entwickelte zusammen mit anderen Frauen ein Weiterbildungsprogramm und gab dem Sohn des Lagerkommandanten Nachhilfestunden in Physik, Chemie und Mathematik. Nach ihrer Entlassung aus Moringen arbeitete sie im Untergrund weiter. 1937 wurde sie schwanger und ließ das Kind wegen der schwierigen politischen Situation abtreiben, eine Entscheidung, die sie bis zum Ende ihres Lebens bereute. 1941 wurde sie erneut verhaftet und erlebte in Ravensbrück die Befreiung. Sie gehört zu den vielen Frauen, die ihr Überleben der Hilfe anderer Frauen verdanken. Nach 1945 promovierte sie über das Tarifvertragsrecht und legte das zweite juristische Examen ab. 1950 wurde sie aus der SED ausgeschlossen und erst nach langem Kampf wieder aufgenommen. Sie nahm zwei Pflegekinder auf und wurde Arbeitsökonomin. Zeit ihres Lebens schrieb sie über ihre Erlebnisse im Nationalsozialismus, ihre Werke wurden jedoch in der DDR nicht veröffentlicht. Erst ihre Lebenserinnerungen „Der roten Faden“ erschienen 1994 in Berlin.

Henny Stern (24. 1. 1902 – 8. 6. 1942) war eine jüdische Haushälterin aus Düsseldorf. Auf Anordnung des Arbeitsamtes musste sie ab 1940 bei der Fa. Fischer – Aktiengesellschaft für Blechverarbeitung in Düsseldorf arbeiten. Ihr Arbeitgeber denunzierte sie 1941 „wegen Störung des Arbeitsfriedens“, weil sie am Sabbat nicht zur Arbeit kam, angeblich nicht schnell genug arbeitete und andere Jüdinnen negativ in ihrer Arbeitsmoral beeinflusse. Besonders kritisch wurden dabei ihre „öfteren Aussprüche, sie wolle für den Aufbau Deutschlands nicht tätig sein“, bewertet. Über das Frauengefängnis Derendorf wurde sie Ende 1941 nach Ravensbrück verschleppt. Sie starb am 8. 6. 1942 offiziell an „Sepsis nach Knochenmarkentzündung im Oberschenkel“, eine Diagnose, die darauf hinweist, dass sie Opfer von Medizinexperimenten wurde.

Anna Stiegler (21. 4. 1881 – 23. 6. 1963), in der NS-Zeit beteiligte sie sich an dem Aufbau sozialdemokratischer Widerstandsgruppen in Bremen und sammelte Gelder für die Familien der Inhaftierten. 1935 wurde sie zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Anschließend erfolgte ihre Deportation nach Ravensbrück. Trotz dieser Erfahrungen hielt sie an ihrer sozialdemokratischen Grundüberzeugung fest. 1961 schrieb sie über ihr Leben und über die Zeit nach ihrer Befreiung: Und nun die Heimkehr! Erst im Jahre 1946 sah ich mein geliebtes Bremen wieder, nackt und bloß, nur mit dem, was ich am Leibe trug. Meine Wohnung ausgebrannt. Und der härteste Schlag: die Gewißheit, daß mein Mann auf einem Transport, wahrscheinlich in Bergen-Belsen, umgekommen sei. Aber die Genossinnen hatten vorgesorgt. Bei einer von ihnen fand ich Unterkunft und liebevolle Pflege, die ich noch heute genieße. Anna Stiegler war die Mitbegründerin des Bremer Frauenausschusses und führte ihn 14 Jahre lang, wurde ins Stadtparlament gewählt und war dort im Wohlfahrts- und Gesundheitswesen aktiv. Ich bin jetzt 80 Jahre alt, diene der Partei seit 56 Jahren und werde ihr immer dankbar sein, weil sie mir die Gelegenheit gab, mich auswirken zu können.

Katharina Straritz (25. 7. 1903 – 3. 4. 1953), evangelische Theologin und eine der ersten Pfarrerinnen. In Breslau war sie Stadtvikarin und betreute die „Hilfsstelle für evangelische Nichtarier“. Im Untergrund organisierte sie Auswanderungen. Als die Kennzeichnungspflicht eingeführt wurde, appellierte sie öffentlich an alle Christen, Juden, die den Davidstern trügen, nicht aus den Gottesdiensten auszuschließen. Es ist Christenpflicht der Gemeinden, sie (die jüdischen Christen) nicht etwa wegen der Kennzeichnung vom Gottesdienst auszuschließen. Sie haben das gleiche Heimatrecht in der Kirche wie die anderen Gemeindemitglieder und bedürfen des Trostes aus Gottes Wort besonders. Für die Gemeinden besteht die Gefahr, dass sie sich durch nicht wirklich christliche Elemente irreführen lassen, daß sie die christliche Ehre der Kirche durch unchristliches Verhalten gefährden. Daraufhin wurde sie fristlos entlassen und ab 1942 inhaftiert. Ihre Gedichte und Briefe aus Ravensbrück wurden unter dem Titel „Des großen Lichtes Widerschein“ 1952 in Berlin veröffentlicht.

Germaine Tillion (1907 – 2008), französische Ethnologin, aktiv in der Résistance und später im Widerstand gegen den Algerienkrieg. 1934 brach sie zu ihrer ersten Studienreise nach Algerien auf, um dort ein Berbervolk, die Chaoui, zu erforschen. Sie wurde 1940 Kommandantin einer Widerstandsgruppe im besetzten Frankreich, der „Groupe du Musee de l`Homme“. Deren Ziel war die Befreiung von Gefangenen und die Beschaffung von Informationen. 1942 wurde sie verhaftet und mit ihrer Mutter nach Ravensbrück deportiert. Ihre Mutter wurde im März 1944 durch Giftgas ermordet. Germaine Tillion schrieb 1944 das Libretto einer Operette, das sie in einer Kiste versteckte. Die Operette wurde 2007 uraufgeführt. Nach 1945 wandte sie sich der Aufklärung über die Konzentrationslager und wieder ihren Studien über Algerien zu. Schon im Lager sammelte Germaine Tillion alle Informationen, die sie über die Gefangenen und das Lager bekommen konnte. Germaine Tillion gehört zu den Frauen, die ihr Leben lang wissenschaftliche Arbeit und politisches Engagement miteinander verbunden haben. So setzte sie sich in einem heimlichen Treffen mit einem der Gegner Frankreichs dafür ein, dass die Eskalationsspirale von Attentaten und Hinrichtungen beendet würde. Sie schrieb das erste umfassende wissenschaftliche Buch über Ravensbrück (Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, deutsch Frankfurt/Main 2001).

Lisa Ullrich (12. 8. 1900 – 5. 6. 1986), Schneiderin, Industriearbeiterin, Reichstagsabgeordnete der KPD. Sie wurde ab 1935 inhaftiert. 1944 wurde sie in Ravensbrück auf Drängen der Mütter Blockälteste des neu eingerichteten Mutter-Kind-Blocks. Dort waren ca. 150 hochschwangere Frauen, 100 Mütter und 96 Säuglinge zu betreuen. Die Frauen schworen sich, alles Menschenmögliche zu tun, um die Kinder zu retten, von denen nur Einige überleben konnten. Lisa Ullrich war stolz darauf, den Sohn Guy der Französin Pienotte Poirot, gerettet zu haben. Sie schmuggelte das Kind an der SS vorbei in den Transport des Schwedischen Roten Kreuzes. Diese Rettung beschreibt sie in ihren Erinnerungen: Mit meinen Kameradinnen besprachen wir, wie Madame Poirot und ihrem kleinen Sohn zu helfen sei … Daraufhin sagte ich der Mutter, wir müssten das Kind als gestorben melden, dann käme sie in den Block der Französinnen, und dort werde die Ausreise mit vorbereitet. Den kleinen Guy würden wir reisefertig machen, in eine Decke einwickeln, die so gefaltet und verschnürt wird, dass sie wie ein Paket aussieht, also wie die kleinen Bündel der anderen Frauen. Sobald wir erfahren, die Frauen gehen zum Tor, bringe ich das Paket ans Tor … Wir organisierten einen Beobachtungsposten. Aber der Abtransport verzögerte sich um einige Tage. Wir hatten eine schreckliche Angst und Sorge; die Spannung wurde fast unerträglich. Da kam für die Französinnen der Befehl zum Antreten. Namen wurden aufgerufen und mit den Listen verglichen. Alles klappte. Die Frauen gingen zum Lagertor. Jetzt kam das Zeichen für uns. Ich nahm das Bündel in beide Hände und hatte nur einen Gedanken „wenn er nur nicht schrie!“. Ich erreichte das Tor, rief der Wachmannschaft zu, dass die Frau ihr Gepäck vergessen habe, übergab es der Mutter. „Madame, bagage“, sagte ich schnell. Gleich war sie zum Lagertor hinaus.

Yvonne Useldinger (6. 11. 1921 – 11. 2. 2009), luxemburgische Kommunistin und – noch hochschwanger – im Widerstand aktiv. In Ravensbrück schrieb sie ein Tagebuch und zeichnete. Ihr Tagebuch umfasst die grauenvolle Endzeit des Konzentrationslagers. Die das Lager umgebene Natur wurde ihr dabei sowohl zur Quelle der Freude, als auch zur gefährlichen Bedrohung. Ein Schwan auf einem kleinen Teich bot ein wunderbares Bild zum zeichnen. Die Natur ist voller Überraschungen, obschon man immer dieselbe Aussicht hat, erlebt man immer wieder neue Wunder … Es ist die Sonne, die alles, alles aufsaugen möchte. Sie lechzt nach diesen offenen Wunden, nach diesen ausgemergelten Leibern. Wetteifernd mit der Glut des Krematoriums (März/April 1945). Nach 1945 wurde sie Mitbegründerin des Frauenverbandes „Union des Femmes Luxembourgeoises“, deren Vorsitz sie später übernahm.

Marie-Claude Vaillant-Couturier (13. 11. 1912 – 11. 12. 1996), gründete 1936 die feministische Organisation „Femmes de France“, sie wurde wegen illegaler Aktivitäten für die ROTE HILFE verhaftet und 1944 nach Ravensbrück deportiert. Sie war Zeugin im Nürnberger Prozess und wurde 1945, als die Französinnen das Wahlrecht erhielten, ins Parlament gewählt. Insgesamt waren 11 Frauen aus Ravensbrück im französischen Parlament. Marie-Claude Vaillant-Couturier brachte in ihrer Parlamentszeit mehr als 80 Gesetzentwürfe für die Gleichberechtigung der Frauen und die Rechte von Behinderten und Waisen ins Parlament ein. Sie kämpfte gegen die französische Kolonialpolitik und gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands.

Sima Vaisman (1902 -1997), wurde im heutigen Moldawien geboren und verließ Bessarabien in den 30er Jahren, um in Paris zu leben. Sie hatte in Bukarest Medizin studiert und arbeitete in Frankreich als Dentistin, in dem von ihr geliebten „Land der Menschenrechte“. Sie war Jüdin und floh zu Beginn des Krieges nach Lyon, wurde verhaftet und 1944 nach Auschwitz deportiert. In Auschwitz arbeitete sie als Lagerärztin und versuchte – wie viele ihrer Kolleginnen – den Frauen zu helfen. Anfang 1945 wurde sie nach Ravensbrück gebracht, von dort nach Neustadt-Glewe, wo sie die Befreiung erlebte. Sie schrieb eine der ersten Berichte über ihre Lagererfahrungen und emigrierte nach Israel. Ihre Nichte, Eliane Neiman-Scali, würdigte sie nach ihrem Tod: Sie war eine Persönlichkeit, eine Frau mit großer Energie, leidenschaftlich dem Leben, der Jugend, der Kunst und allem, was sich in der Welt – und vor allem in Israel – ereignete, zugetan. Sie war eine wunderbare Zuhörerin und Ratgeberin; eine weise Frau, die bis zu ihrem Lebensende von Freunden und jungen Menschen umgeben war. Sima hat bei allen, die sie kannten, einen Eindruck unzerstörbarer Kraft hinterlassen. Sie liebte große Bäume und war auf ihre Weise „eine jener Eichen, die man nicht mehr fällen kann.“

Hannah Vogt (3. 3. 1910 – 1994) schrieb als 13jährige: Ich betreibe von jetzt an Politik in einem großartigen Stile. Ich lese stets die Zeitung ganz und gar. Es kommen nur immer so viele Fremdwörter vor. Ich schrieb mir alles in ein kleines Heft und sah nachher im Fremdwörterbuch von Heyse nach. Ich kann jetzt schon ganz gut verstehen, was drinsteht. Ich will außerordentlich beschlagen sein. Der Weg des neugierigen, wissbegierigen kleinen Mädchens aus Göttingen führte sie zu einem Studium der Volkswirtschaft und in den kommunistischen Jugendverband in Hamburg. Ihre soziale Verpflichtung, verständlich zu schreiben, und ihr Herz, das zeitlebens links schlug, betonte sie später als ihre wichtigsten Eigenschaften. Nach der Verhaftung im März 1933 wurde sie eine der ersten Gefangenen des KZ Moringen. Ende Dezember 1933 wurde sie entlassen und arbeitete als Laborantin. Nach 1945 war sie Ratsfrau in Göttingen und engagierte sich für die christlich-jüdische Zusammenarbeit. Eine umfangreiche Korrespondenz mit ihren Eltern ist erhalten geblieben.

Magdalena Weber (21. 1. 1898 – 27. 4. 1945), stammte aus dem Saarland und war Dienstmädchen u. a. in Düsseldorf, Dillingen, Kleve und Trier. Sie war Mitglied der SPD und engagierte sich im Arbeitersamariterbund und in der Arbeiterwohlfahrt. Sie kämpfte gegen den Anschluss des Saarlandes an das Deutsche Reich und emigrierte 1935 nach Frankreich. Als Krankenschwester arbeitete auf Seiten der Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg und wurde – wie viele andere – nach dem Sieg von Franco nach Ravensbrück deportiert. Dort wurde sie wenige Tage vor der Befreiung durch die SS ermordet. In Ravensbrück waren viele Frauen inhaftiert, die im spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republikaner gekämpft hatten bzw. als Krankenschwestern in den Lazaretten tätig waren. Allein aus Österreich sind die Namen von 26 dieser Frauen bekannt. Neus Catala – ebenfalls in Ravensbrück interniert – hat Interviews mit Spanierinnen veröffentlicht.

Edith (Ewo) Wolff (13. 4. 1904 – 28. 1. 1997), aus einem christlich-jüdischen Elternhaus kommend, konvertierte 1933 aus Protest gegen die Nationalsozialisten vom evangelischen zum jüdischen Glauben. Sie studierte Philosophie und engagierte sich mit ihrer Freundin Recha Freier in der jüdischen Selbsthilfe. Nach dem Beginn der Deportationen organisierte sie Lebensmittel und Ausweise. Ihre Gruppe (Chug Chaluzi = Kreis der Pioniere) half verfolgten Juden zur Flucht. Von 40 Kindern der Alijah-Schule (Alija = „Aufstieg“, Einwanderung nach Palästina) konnten so 33 gerettet werden. Sie war nach ihrer Verhaftung auch für kurze Zeit in Ravensbrück. Nach 1945 wanderte sie über die Schweiz nach Israel aus, arbeitete u. a. in der Gedenkstätte Yad Vashem und in der Friedenspolitik. Sie war 1949 eine der Teilnehmerinnen an einem internationalen Friedenstreffen, das von Frauen organisiert worden war, die Ravensbrück überlebt hatten. In einer der ersten Broschüren zu Ravensbrück schrieb sie voller Trauer: Auf einen Überlebenden von uns (Jüdinnen und Juden) kommen 22 Tote.